Herzlichen Glückwunsch, Carolin Emcke!

Carolin Emcke gehört zu den Frauen, die mich in diesen Monaten besonders begleiten.

Jeden Samstag gilt der erste Blick ihrer Kolumne in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung.

Mitte Oktober erschien Carolin Emckes neues Buch Gegen den Hass.

Am 23. Oktober erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und schenkte uns dafür erneut einen wunderbaren Text  (Anfangen Carolin Emckes Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises 2016).

Es ist vieles, das mir ihre Philosophie so wertvoll macht:

Es ist ihr Plädoyer gegen eine Kultur des Hasses, des Ausgrenzens von allem und allen, die „anders“ sind, populistischer Lügen, Realitätsverkürzungen und –verweigerungen.

Es ist ihre Analyse, wie der Hass entsteht, nein nicht als individuelle und spontane Geschichte, sondern wie er systematisch gezüchtet wird.

Es ist ihre Gabe der „analytischen Empathie“, ihre Kunst, „die Dinge so zu erzählen, dass die Lähmung des Denkens durch die allgegenwärtige Gewalt durchbrochen wird“, wie es ihr die Philosophin Selya Benhabib in ihrer Laudatio bei der Preisverleihung bescheinigte.

Es ist ihr Plädoyer für den Mut, dem Hass zu widersprechen, und die Lust, Pluralität auszuhalten und zu verhandeln, ohne erneut der Gefahr der Zuschreibung von Individuen in vermeintlich homogene Kollektive zu erliegen.

Es ist ihr Appell, sich von einer Weltsicht des Entweder-Oder und einem Denken, das Zweifel nur an den Positionen der anderen, aber nicht an den eigenen zulässt, zu verabschieden:

Wenn einzelne Überlegungen immer schon zu einem geschlossenen, ideologischen Klumpen geknetet werden, wenn individuelle Einschätzungen oder Handlungen immer schon zu kollektiven Dispositionen verallgemeinert werden, dann verkommt die öffentliche Auseinandersetzung zu antagonistischer Identitätspolitik, die nur noch in statischen Wir-gegen-sie-Kategorien agieren kann. (Entweder oder, SZ-Kolumne vom 15. Juli 2016)

Einem dogmatischen Denken, das keine Schattierungen berücksichtigt und letztendlich die Spirale des Hasses nur verstärke, setzt sie das Lob des „Vielstimmigen“ und »Unreinen« entgegen, auch weil nur so die Freiheit des Individuellen und „Abweichenden“ zu schützen sei.

Auch deshalb empfinde ich ihre Beiträge als nachdenkenswert für alle, die in Sachen Gender und Diversity, Gleichstellung und Chancengleichheit, Antirassismus und Antisexismus, engagiert sind.

Es gilt sich immer wieder des Spagats bewusst zu sein zwischen dem Sichtbarmachen und dem Engagement für Ausgegrenzte und der Gefahr, in eine neue alte Logik des Entweder–Oder und kollektiver Zuschreibungen, egal in welcher Richtung, abzudriften.

Auch deshalb nochmals herzlichen Glückwunsch, Carolin Emcke, und großen Dank!

4 Kommentare zu Herzlichen Glückwunsch, Carolin Emcke!

  1. Sissi Banos, Du bringst es wunderbar auf den Punkt, wie Carolin Emcke kollektiven Hass erklärt und wofür sie plädiert, um ihm zu begegnen. Mögen viele mit einstimmen in das „Lob der Vielstimmigkeit“.

    1. Vielen Dank, Angelika Härlin und Eva Müller, für Eure Antworten auf meinen Beitrag: Auf dass der Chor der Vielstimmigkeit und derer, die sich nicht in die Hassspirale begeben wollen, immer größer werde. Hier noch mein Lieblingszitat von Carolin Emcke aus ihrem neuen Buch, das für mich angesichts der Ergebnisse der US-Präsidentschaftswahlen nochmals an Bedeutung gewonnen hat: „Dem Hass begegnen lässt sich nur, indem man seine Einladung, sich ihm anzuverwandeln, ausschlägt. Es gilt zu mobilisieren, was den Hassenden abgeht: genaues Beobachten, nicht nachlassendes Differenzieren und Selbstzweifel.“

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